4.8.2016 – The One (78.4km)

Heute kommt er also der grosse Tag. 35 Tage Training für den heutigen Anstieg auf den Indiana Pass. Von 7800 Feet auf 11’960 Feet, oder von 2350 auf 3650 MüM. Und dies innerhalb von 36km – wobei der eigentliche Anstieg erst auf den letzten 18km in Rollen kommt. Bei einer angekündigten Regenwahrscheinlichkeit von 100% sicher ein lustiges Unterfangen. Also extrafrüh aus den Federn und die sonnigen Morgenstunden ausnutzen. Nach dem gestrigen Gewaltstag fühlen sich meine Beine in der Anfahrt zum Anstieg allerdings wie weiche Butter an und mir schwammt angesichts des Tagespensums übles! Vielleicht ist es bloss der Placebo-Effekt, aber nach einem Electrolyte-Pülverchen in der Wasserflasche gehts schon viel besser. Das Gesöff ist zwar grottenhässlich, hilft aber scheinbar.
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Sobald der Asphalt dem erneut pflotschigen Schotter weicht, gehts unerbittlich und beinahe pausenlos bergan. Auf einer Krete gehts den Berggipfeln entgegen. Mal durch Nadelwälder und mal durch Espenbäume. Mit ausreichend Pausen und neu gewonnener Kraft, gehts verhältnismässig zügig voran. Die vergangenen Wochen Intensiv-Training sind eben doch nicht spurlos an uns vorbei. Knapp 4km unter dem Gipfel kommt das längst Erwartete und die erste Gewitterfront erreicht uns. Schnell sind die Regensachen montiert und es kann weiter gehen. Während der nächsten Stunde bleibt es ein ständiges An- und Abziehen, denn mit ist es eine Sauna und ohne ist es zu kalt. Und dann tatsächlich, nach Stunden der Strapazen kommt tatsächlich die Passhöhe in Sicht!

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Es ist der höchste Punkt der gesamten Great Divide Strecke und leider nichtmal eine Continental Divide. Diese verläuft ein paar Kilometer westlich von uns vorbei. Auf dem Indiana Pass, welcher wohl inoffiziell so benannt wurde, ist die Freude riesengross, obwohl ein kleiner Funken Enttäuschung aufkommt, da ich kein Passschild für ein Erinnerungsfoto finde. Nach so vielen Schildern doch etwas schade bei so einem grossen Meilenstein. Nichts desto trotz machen wir unsere Erinnerungsfotos und beginnen das zweite Teilstück des heutigen Tages. Denn es folgt keineswegs eine Abfahrt zum Tagesziel und fertig. Nein, erstmal wird auf über 3500 MüM noch etwas herumgegurkt. Bizzeli runter, wieder hoch und das ganze von Vorne. Von Kopf bis Fuss voller Dreck fahren wir so kräfteraubend durch das Hochplateau. Vorbei an stillgelegten Goldminen, umweltverpestenden Cyanidbecken, verfallenen Geisterstädten und grünen Hochgebirgs-Weiden.
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Bis auf eine Unmenge an Quad-Fahrern ist die Gegend ganz schön verlassen. Hinter jeder Kurve folgt ein weiterer Anstieg und eine weitere Abfahrt und so verlieren wir die nächsten 15km kaum an Höhe. Erst als der Himmel seine Schleusen öffnet und uns der Regen sintflutartig entgegen prasselt, gehts bergab. Immer eine gute Kombination… Fahrtwind, Kälte und Regen ergeben einmal mehr eine schöne Mischung. Mit blauen Fingern und aufgeweichten Füssen versuchen wir uns so gut es geht die durchnässte und mittlerweile mit Rinnsalen und Felsbrocken durchsetzte Strasse hinab zu bremsen. Denn die Konditionen lassen bei Weitem nicht das Tempo zu, das einer solchen Abfahrt gebührt! Voller Konzentration auf Schlaglöcher, grosse Steine und kleinere Sturzbäche bleibt nicht mehr viel Sight-Seeing übrig. Durchweicht und ordentlich durchgeschüttelt erreichen wir die Talsohle und überqueren den Alamosa River. Leider ist es für uns noch das falsche Tal, denn unser Tagesziel liegt ein Tal weiter im Süden. Dazwischen liegt ja dann auch «bloss» ein weitere Pass! Also die unterkühlten Gelenke nochmals warmlaufen lassen und mit definitiv letzter Energie auch noch den Stunner Pass hochjagen. Dann endlich kommt das Ziel in Sicht. Die kleine Ansammlung von Häusern namens «Platoro». Gestern schon haben wir uns einen Airstream vorreserviert. Und uns erwartet ein wohliges Heim in einer der legendären, silbernen Blechbüchsen. Unserer hat zwar bei näherer Betrachtung ein paar Einschusslöcher, aber wir wollen ja nicht zimperlich sein! Innen ist er nämlich wunderschön ausgerüstet mit einem eigenen Bad und zwei Betten. Was will man nach einem so anstrengenden Tag mehr? Von jetzt an gehts gedanklich schon New Mexico entgegen.
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One Response to Tag 36: Del Norte – Platoro

  1. Beatrice Hunziker sagt:

    Es ist einfach nur extrem, kann man sich solche Kraftreserven wirklich antrainieren ? Ich zieh den Hut und bin ganz stolz auf euch !

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